15.11.-2.12.2007      Wohin geht´s diesmal?

 Von Berlin-Tegel per (DIREKT!)Flug über (ein kleiner, so bei der Buchung nicht erkennbarer Umweg gehört eingebaut) San Francisco nach San Diego: Zunächst wollen wir ein wenig das Meer bewundern und natürlich im JoshuaTree- Nationalpark klettern. Nach knapp einer Woche geht´s auf nach Mexiko, Baja California, auf der Suche nach einem lauschigen Plätzchen am Wasser. Hier gedenken wir mit Abstechern in die Landen den Urlaub zu verbringen. So weit, so gewollt. Lasst euch überraschen, was daraus wurde:

 
 
Donnerstag, d.15.11.

Unser Flieger startet gegen11h; die 30km dahin geben uns genug Zeit, gemütlich aus den Federn zu krauchen und obergemütlich zu frühstücken, oder? Achtung: seit 2 Uhr früh wiederum streikt der Eisenbahner im Nah- und Fernverkehr. Betrifft uns nicht wirklich, wir nehmen ja das Auto zum Flughafen… Vorsicht! Was, wenn alle anderen die gleiche tolle Idee haben – dann stehst du im Stau und winkst deinem Fliegerchen freundlich aus der Ferne! Also doch lieber eine Ewigkeit früher los. Alles geht gut.

 

 Auf dem Frankfurter Flughafen sehen wir erstmals (später wird im Freundeskreis ihre rege Verbreitung beschrieben) “Raucherkästen“, also jene geringmaßigen Glasbauten, in die der Raucher sich zu den anderen Leidenskollegen drängelt, wenn ihm so sehr dringend danach ist… Faszinierend zu sehen, wie eng man es sich gemütlich machen kann! Unangenehm jedoch der Gestank, wenn dann doch mal einer wieder hinaus muß, weil der Flieger nicht wartet. Tür auf, Fluggast in spe in Rauchwolke raus…

Unser Direktflug nach San Diego beinhaltet eine Zwischenlandung inSan Francisco mit regulärer Einreise per fingerprinting, dein Gepäck wird ausgeladen, du nimmst es und gibst es wenige Meter weiter erneut auf… 
und langsam kommt Hektik in Personal und Fluggast, die Zeit könnte knapp werden, den angepeilten Flieger zu erwischen! Also huschen wir die endlosen Terminals entlang, um letztendlich auf einer Bank kurzzeitig völlig übermüdet einzunicken – unsere Maschine hat gut zwei Stunden Verspätung. Als es endlich weitergeht, verschlafe ich den einstündigen Flug bis San Diego weitestgehend.

 

Unser Autovermieter wartet natürlich nicht mehr auf uns(es ist 22.00 Uhr) – ein Taxi bringt uns für 15$ zum einzig vorgebuchten Quartier im American Best Value Inn in Airport-Nähe – nur noch schlaaafen ….
Zunächst jedoch ein kurzer Blick auf unsere Reiseroute:
   
Freitag,16.11.

Strahlend blauer Himmel, Bauarbeiten vorm Fenster, Kaffee und supersüßes Backzeug zum Frühstück – is this America? Unser Auto, ein kleiner Chrysler Sebring, entspricht klassenmäßig nicht ganz den Vorgaben per Internet und der Reinlichkeitsgrad nun wirklich nicht unseren Vorstellungen: außen eingestaubt, innen fleckig-klebrig mit überquellendem Aschenbecher! Der studentische Angestellte fährt es sofort zur Reinigung, die letztlich jedoch nur eine äußerliche werden sollte. Doch wir wollen endlich auf Erkundungsfahrt, also Augen zu und durch: Lappen her, Kippen raus (dem weiterhin freundlich lächelnden Vermieter auf den Tresen gestellt) – nach und nach lüftet der Gestank aus…

 

Ein Urlauber muß zuerst ans Meer – wir fahren nördlich nach La Jolla – und sind überwältigt vom Anblick der weitgezogenen Dünen, vor denen die Brandung rollt. Surfer lauern träge auf ihren Brettern schaukelnd auf d i e Welle, zum Baden allerdings ist´s zu kalt.
Wir rätseln ob der knapp und schnell über dem Wasser dahingleitenden Gestalten – es sind V-Formation fliegende Pelikane, die sich den Höhen und Tälern des Wassers optimal anpassen auf ihrer Reise.
Hätte nie gedacht, dass diese großen Vögel, die im Tierpark lange unbeweglich rumhocken, um irgendwann schnabelgesperrt drohend jemandem hinterherzurennen, sich so elegant und abgestimmt bewegen können. Und das handabgeschirmte Auge blinzelt vergeblich nach Delphinen – vorerst.

 

Kurze Anmerkung zum hiesigen Straßenverkehr: Es wimmelt von zumeist großen Autos und die erlebte Fahrweise entspricht ganz und gar nicht unseren Erwartungen von rücksichtsvoll, angepasst und vorausschauend. Groß hat Recht, Geschwindigkeit zählt. Es wird vielfach gedrängelt – und ein angedachter Spurwechsel ist Abenteuer und Adrenalin pur. Wir sehen in den zwei Wochen etliche zum Teil schwere Unfälle fast ausschließlich auf den pro Fahrtrichtung (!) bis zu fünf- oder noch mehrspurigeren (!) Autobahnen. Es ist prinzipiell keine unbekannte Situation, in anderen Ländern (ohne die Unfälle und auf nur bis zweispurigen Straßen) schon erlebt – aber eben hier, im sonnigen Süden der USA überhaupt nicht erwartet.
Gegen 4.30Uhr kommen wir, inzwischen nordwärts in Richtung LA und weiter zum JoshuaTree-Nationalpark unterwegs, in der bereits einsetzenden Abenddämmerung in einen – wie wir zu diesem Zeitpunkt glauben – nicht zu übertreffenden Riesenstau auf der hier sechsspurigen (wiederum pro Richtung) Autobahn. Nach 45 Minuten und wenigen geschlichenen Kilometern wühlen wir uns zurück auf die Nebenstraße. Hier geht´s auch nicht schneller, aber die Smogbelastung, die eben noch wahrhaft Übelkeit auslöste, ist jetzt deutlich geringer.

 

Irgendwann unterwegs quartieren wir uns unterhalb LA in einem der vielen Motels für 86$ ein. Noch wundert sich der Urlauber über die gepfefferten Preise – die Erfahrung zeigt, dass diese hier sogar unter der Kategorie „Billig“ abzulegen sind.  
Unser erstes Abendessen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten bestellen wir bei einem kleinen Jamaicaner. Lecker und reichlich – doch was knirscht da zwischen den Zähnen? Die Zunge tastet und rätselt, ein undefinierbarer kirschkerngroßer Klumpen wird an den Gaumen gepresst – hart, irgendwie kantig…? Raus aus dem Mund, Auge auf – und zeitgleich entdeckt die Zungenspitze das riesige Loch unten rechts, letzter Zahn. Die auf der Handfläche liegende Plombe strahlt mich an – hier bin ich. Sofort sind alle Sinne gespannt – tut´s weh, Schmerz? Nein, nirgendwo zieht´s oder puckert´s. Und das vorsichtig zu Ende geführte Essen bleibt auch nicht im Zahnloch hängen. Gut, es ist Freitagabend irgendwo in California. Was tun? Der ins Vertrauen gezogene Restaurantbesitzer kümmert sich rührend, versucht mehrfach seinen guten Freund Zahnarzt anzurufen – nur ist der wohl schon im Wochenende. Somit vertröstet er uns – es gibt massenweise Dentisten, einfach morgen irgendwo anhalten. Und es stimmt – auf unserem Weg werden wir gerade im Raum JoshuaTree NP Zahn- und Tierärzte dicht an dicht finden. Wobei es mir rätselhaft bleibt, wovon gerade die letzteren leben.

Vorläufig jedoch entscheide ich mich mit dem Mut des Schmerzlosen für´s Abwarten.

Samstag 17.11.

Und wieder ist sonnenbestrahlte Strandzeit – wir spazieren an der bewegten Wellenlinie des Ozeans entlang. Grüppchen kleiner gefiederter Schnellläufer flitzen dem zurückweichenden Wasser hinterher, stochern und picken eifrig im Sand nach Kleingetier und schaffen es immer wieder, haarscharf vor der nächsten Brandung davonzueilen. Hin und her, hin und her…sie sind einfach niedlich! Amerikaner flanieren in Familie dahin, Surfer schaukeln wieder mal auf den eher flachen Wellen, irgendwo gibt´s garantiert auch Delphine. Zunächst wollen wir länger bleiben, nach zwei Stunden Rumbummelei aber entscheiden wir uns zur Weiterfahrt gen LA.

Dort angekommen ist´s inzwischen schon wieder später Nachmittag, die Sonne sinkt zunehmend. Bei einem Abstecher in einen Buchladen in Wasserhöhe sind wieder und wieder deutliche Erschütterungen des Untergrundes zu spüren. Doch keiner zeigt sich beeindruckt. Wir kaufen einen Kalender für Inga, den wir allerdings später im Auto vergessen werden.
Wie immer ohne Quartier, streifen wir durch LA und stoßen auf die Queen Mary, den festgelegten Luxusliner und das russische U-Boot „Skorpion“.
Letzteres kann besichtigt werden: In einem schachtförmigen Abstieg führt eine schmale Treppe in enge Schläuche voller Technik, stickiger Luft, Maschinenlärm (natürlich nur Lautsprecher-dargeboten). Kein Platz für den Einzelnen…unvorstellbar, dass hier Menschen längere Zeit beengt miteinander auskommen mussten.
Auf der Suche nach einer Schlafstätte fahren wir auf gut Glück durch die Stadt: Die Straße wechselt vom Gewerbegebiet zu stiller, teilweise streng bewachter Wohnanlage. Dann plötzlich wieder findest du dich auf dem Highway wieder. (Späterhin erfahren wir verwundert die Strukturlosigkeit der amerikanischen Siedlungen in unserem Sinne: Kein Zentrum, kein spezieller Bereich hier- oder dafür. Nichts ortsspezifisches. Austauschbar. Zumindest empfinden wir es so für die von uns erfahrenen Gebiete. In Buena Park, einem der um LA angesiedelten, ineinander übergehenden Wohngebiete quartieren wir uns bei Motor Inn für 60$ gegenüber vom hiesigen Tierarzt ein.
Und finden gleich daneben Sizzler, eine Fastfoodkette á la Steakhouse. Es ist d i e Entdeckung schlechthin: Ein breites Angebot an Fleisch, Salaten, Obst, Knabberei zu kleinen Preisen. Später werden wir immer, wenn es sich anbietet, bei Sizzler einkehren. Schon weil die übliche amerikanische Kost doch wenig frische Vitamine bereithält und Obst in den Märkten richtig teuer ist.
Sonntag, 18.11.

Nach einem schnellen Minimalfrühstück ziehen wir weiter gen Osten: der Joshua Tree Nationalpark mit seinen Kletterfelsen wartet. Mein plombenloser Zahn sitzt brav und still.

Auf unserer Fahrt beobachten wir wiederholt endlose Güterzüge: Drei bis fünf(!) Loks ziehen bis zu einhundert (!) – ich hab sie tatsächlich gezählt – Containerwaggons. Einfach gigantisch!

Im Tal Yucca Valley windet sich die Straße linkshaltend an einem Riesenwald von Windrädern entlang, gewinnt an Höhe und erreicht über Morongo Valley das Örtchen Yucca Valley. Es finden sich etliche Motels dicht an der lauten Straße, doch dank Geralds Vorrecherche biegen wir ab zu dem nördlich gelegenen Pioneers Town:

Du findest dich wieder in karger Wildnis in einer Ansammlung von Hütten im Westernstadt-Stil. Hier wurden in den 40ern Filme gedreht und die Crew untergebracht. Jetzt zu Wochenanfang sind wir in der kleinen Anlage fast allein; das sollte sich drei Tage später jedoch ändern – Thanks Giving steht vor der Tür… Die Randberliner ziehen ein in ein knuffiges 70$-Zimmer mit Blick in Weite und auf Pferdekral mit Pferd ganz weit hinten. In den kühlen Nächten heulen die Kojoten in unmittelbarer Nähe – sie wollen die Hofhunde hinauslocken in die Dunkelheit. Sagt unser Vermieter.

 

Montag, 19.11.

Früh rattert die tägliche Müllabfuhr durch die Stille von Pioneer Town, auch wenn fast alle Quartiere leerstehen.

Der Eintritt in den JoshuaTree NP beträgt 15$ pro Tag und Auto. Die Straße schlängelt sich Kilometer um Kilometer zwischen Steinbrocken und –riesen dahin, die Sonne knallt unbarmherzig herab.
Der ausgeborgte Kletterführer (nochmals Dank an Walther) führt uns zu den ausgewiesenen Kletterplätzen. Da es sich jedoch fast ausnahmslos um Rißkletterei ohne andere Sicherungsmöglichkeiten als Klemmkeile oder Friends handelt und wir diese nicht besitzen, streifen wir zunächst nur suchend und beobachtend durchs Gelände.
Am abgelegenen Castle Rock stoßen wir auf eine Gruppe mit Kindern, Hunden , Gitarre und Mundi – hier bleiben wir.

Das Gestein ist griffig, aber scharfkantig. Wir klettern drei Wege und stromern dann noch im gigantisch orangenen Abendlicht zur benachbarten Felsgruppe auf ein paar Sonnenuntergangsfotos.

 

Frage: Wie verhalte ich mich bei Schlangenkontakt? Die vielfach aufgestellten Hinweisschilder lösen das Rätsel nicht, sie warnen nur wieder und wieder. Dass man schaue, wohin die Füßchen gesetzt werden und dabei kräftig auftreten möge, ist allseits bekannt. Ob ich mich nun aber totstelle, seitwärts davonsprinte oder mutig irgendetwas dem sicher ebenso erschrockenen Reptil entgegenwerfe – wie soll´s geschehen? 

Wieder ist´s sooo früh dunkel – erst 16:30h. Wir verbummeln die Zeit im WallMart, um dann gegen 19h erneut bei Sizzler zu abendbroten. Und Beate fühlt sich müde und leicht sonnenstichig, mag nur noch ins Bettchen. Überhaupt haben wir uns dem neuen Tagesrhythmus schnell angepaßt: Allabendlich liegen wir gegen 21.30h in den Federn und krauchen bereits spätestens 7.30h wieder aus selbigen heraus.

Dienstag 20.11.

Mein armer Zahn hat nächtens nun doch gemuckert. Somit habe ich die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten: Ich werde es tapfer aushalten in der Hoffnung, der blöde Schmerz möge dahinsiechen, einfach verschwinden. Wenn aber nicht, bleibt die Option, dann später beim Mexikaner…oder doch lieber schnell zum hiesigen Zahnarzt? 9.45h sitze ich in Yucca Valley auf dem Stuhl, lehne die angebotene Vollnarkose dankend ab und erhalte stattdessen eine massive Lokalanästhesie, die so schnell anflutet, dass mir, obwohl eh fast in Rückenlage, für einen Moment schwarz vor Augen wird. Alle sind sehr bemüht um mich. Da man jedoch mit Mundschutz, Schutzbrille und Dialekt eine tiefgreifende Unterhaltung versucht, muß Gerald, der inzwischen vom übermäßigen Frühstück bei Dennys zurückkehrt, helfend einspringen. Die 550$ Versorgungskosten bekomme ich schnell und problemlos von meiner Auslandskrankenversicherung (sagen’s wir doch: Allianz, Klaus.Lahmann@allianz.de) erstattet.

Nach gut einer Stunde bin ich entlassen, der Zahn hat sich seitdem nicht wieder gemeldet. Danke nochmals.

Die Sonne strahlt, der Mund formuliert mühsam Worte – auf zum Klettern! Nun, wir laufen viel herum und entscheiden uns letztlich für nur einen Weg, an dessen Ende wir aber einen wunderschön weiten Blick über das in die Abendsonne getauchte Land haben.
 

Unsere Tankanzeige vermeldet: Ihr Sprit ist fast alle! Und das mitten in der zunehmend einsamen Wildnis des Parkes.. So rollen wir im Leerlauf die glücklicherweise fast nur bergab ziehenden gut 20km zum Parkausgang, erreichen sicher die nächste Tankstelle… – und besuchen mal wieder abends Sizzler.

Mittwoch 21.11.

Heut früh weht ein erstaunlich kalter Wind. Mangels Alternativen um diese Zeit frühstücken wir bei Mc.Donalds – es bleibt ein einmaliges Erlebnis. Auch hier finden sich wieder überaus füllige Gestalten, die die kalorienträchtigen Mahlzeiten samt Coca Cola o.ä. verschlingen. Witzigerweise ist auf der Rückseite der Papierauflagen auf den Geschirr-Tabletts eine Tabelle mit Energiegehaltsangaben des hier Verkauften zu finden – erschreckend, was da mit einem Essen in den bewegungsunlustigen Landsmann (selbst zum Geldabheben fährt man direkt bis an den Automaten heran) geschoben wird. Nur wendet wohl niemand das Blatt… Was nicht heißt, dass der Amerikaner an sich so isst und lebt; das krasse Gegenteil findet sich in den vielen Sportlichen an den Stränden, den Felsen, irgendwo sonst, jung und alt.

 

Der Short Wall am Indian Cove bietet nebeneinander mehrere schöne Riß- und Wandkletterwege. Neben uns müht sich ein Mutter-Tochter-Team,
später ein uns etwa gleichaltriges Paar: sie ist gesprächig, er fast schweigsam, dafür aber schwer mit Sicherungsmaterial behangen…
Es ist Zeit, sich vom JoshuaTreeNP und seiner herben Schönheit zu verabschieden:

Morgen ist Thanks Giving, ein hochgehaltener beliebter Feiertag. Die Geschäfte sollen weitestgehend geschlossen sein (waren sie nicht, Praxen und Hotels aber wohl), und schon sind auch die Plätze in Pioneers Town ausgebucht, wir ziehen weiter.

 

Jetzt geht´s gen Süden, auf nach Mexiko! Unser Auto meldet sich quietschend, nach kurzer Stotterbremsung gibt es kurzzeitig Ruhe – Gerald frohlockt: Ausgetrickst. Von wegen, …der kleine Braune jammert sich wieder und wieder…Der Abend holt uns ein in Brawley.

Donnerstag 22.11.

Brawley – El Centro – Calexico. Hier ist der Übergang zur sich auf der anderen Seite der Grenze direkt anschließenden Stadt Mexicali. Zuvor jedoch folgen wir den Verlockungen eines „0.99$-Ladens“ und erwerben u.a. Socken für Gerald: Die gedachten zwei Paar ergeben genau drei Stück Fußbekleidung – witzig, oder?

Die Ausreise gestaltet sich unspektakulär: Wir betreten diesseitig ein völlig leeres Reisebüro – der gelangweilte junge Mann verweist uns an die Polizei. Die schickt uns quer über die Fahrbahn, dort geht´s nochmals eine Tür weiter – nun fahrt doch endlich!

Und so holpern wir mit unserem in beiden Ländern zugelassenen Auto über die Grenzpoller, sind einfach so in Mexico – und schlagartig umfängt uns Trubel, Staub, Lärm. Ein Parkplatz ist nur schwer zu finden, der Geldtausch erfolgt in einer Bank mit Schleusentür zum Schalterraum.

Und jetzt geht´s loohos, wir kommen, ihr Wale und Abenteuer!

Unser Ziel ist das kleine Städchen San Felipe ca.200km entfernt (hier misst sich die Weite nicht mehr in Meilen) an der Ostküste der Baja California. Wir haben ihn – unseren Traum vom Häuschen am plätschernden Meer, schwingender Hängematte, warmen Sonnenuntergang á la Thailand… zunächst jedoch streift das Auge ungläubig nur Baufälligkeit und Müll, ein kleiner Spielplatz inmitten in einer Schrottsammelstelle, lärmende Autokolonnen, Smog. 
Irgendwann bleiben die Behausungen zurück, kaum noch ein Fahrzeug außer dem unsrigen. Zunehmend Wüste: karg, rissig. Gestrüpp. Ab und an wie hingestreut eine Hütte. Mal ein mit eingegrabenen Reifen markierter Zaun darum oder ein paar rostige Schrottlauben anbei gelagert, selten auch gönnt sich jemand beides… Kein Grün. 100km weiter links der schmalen Straße erahnst du ein Nichts von einem Salzsee – rissig-trocken. Ab und an zeichnet eine Fata Morgana ihre flirrenden Bilder in die Luft, der Wind fegt ein irgendwoher gewehtes Grasknäuel vor sich her oder eine der vielfach zu findenden Tüten, Plastikflaschen,… rechts türmen sich graue Geröllberge. Und die Straße schnürt geradeaus, das Radio rauscht empfanglos vor sich hin.
San Felipe: ein kleines Fischerdörfchen, geprägt durch die etwa einen Kilometer lange „Strandpromenade“ mit Fressmeile – wir lassen uns ganz am Anfang bei Rositas, dem jungen Mann mit dem traurigen Blick nieder, futtern leckere taco con camarón und lauschen dem am Nachbartisch mit Inbrunst vorgetragenen Ständchen eines Trios: Gitarren so weit so gut, Gesang samt Akkordeon schrecklich schief – egal, alle hatten ihren Spaß.
Das Meer bietet Ebbe statt Wellenschlag, auf den Sandbänkenruhen die Fischerboote. 
Strandnah streiten Möwen um die zurückgelassenen Reste an Meeresgetier, etliche Hunde streunen herum… noch nie auf Reisen sah ich so viele von ihnen durch die Landen ziehen – und noch nie so viele tote, überfahrene zumeist.
Immer wieder versucht einer die innerorts dicht befahrenen Straßen zu überqueren, los und durch – vielleicht. Die unterwegs entdeckte tote Kuh wurde fotografisch verewigt, das von Gerald gesehene dahingestreckte Pferd war auf dem Rückweg im Dunkeln nicht mehr auffindbar…. Man möge mir das berufsbezogene Interesse nachsehen… Zurück zur Idylle am Meer: hinter der Promenade in San Felipe reihen sich Geschäfte jeglicher, sich schnell wiederholender Art aneinander: Kitschige Souvenirs, Klamotten, kleine Bars, ab und an ein Immobilienmakler.
Übrigens eine Branche, die in diesem Gebiet gut beschäftigt sein sollte: Nach der Endlosigkeit der Wüste seit Mexicali begrüßen dich Hinweisschilder an den Straßen, welche Prächtigkeit in wessen Namen hier zu finden sei – natürlich nicht zu betreten/ zu befahren, da Privateigentum… Es mutet kurios an: Das Schild, oft eine Riesenmauer mit noch pompöserem Eingangstor dahingestellt – und dahinter unberührter Sand, Düne bis zum weit zurückliegenden Meer. Hier entstehen noch Träume, werden solche verkauft, greif zu, du findest nichts Besseres!

 

Zurück zum wieder schnell hereinbrechenden Abend in San Felipe: die Sache mit der Hängematte wird wohl nichts, die Flut lässt auch noch auf sich warten – und außerdem wird es empfindlich frisch! Also schnell ein Zimmerchen gesucht, lecker gefuttert und ab ins Bett… Dass das Hotel gegenüber der Kläranlage steht, entdecken wir natürlich erst nach der Einmietung. Macht nichts, ist auf die Entfernung nicht zu riechen. Dafür ist´s aber schön ruhig, weil weit weg von der Straße… bis auf dieses monotone tiefe Brummen – es drückt sich in deine Aufmerksamkeit, die Ohren hören nichts anderes mehr. Du lauschst an der Wand – hat der Nachbar einen defekten Kühlschrank oder so?, klickst alle technischen Geräte an und aus und an … wackelst an Steckern, trittst vor die Tür… Das Geräusch hat sich in den vier Wänden eingenistet und nervt, nervt… Gerald schläft nach vermehrtem Weingenuß schnell ein, ich aber roll mich hin und her – ich hör dich nicht, ich nehm dich nicht wahr… schöne gute Nacht!

 

Freitag 23.11.

Des Rätsels Lösung ist am nächsten sonnigen Morgen der Blick auf den direkt über uns auf dem Dach platzierten Trafo – wieder ein Puzzlesteinchen mehr, auf das du künftig achten wirst deinem Wohlgefühl zuliebe.Morgenbummel am fast leeren Strand – nur ein paar freundliche Fischer sind bei ihren Vorbereitungen zum Ausfahren zu beobachten– die Flut kommt.

 

Wir naschen ein wenig – Gerald ordert Müsli und bekommt eine Schüssel voll kunterbunter knallsüßer Cerealienringe, ich kaue auf zwei nackten Tortillas herum – und weiter geht die Reise.

Unser Plan: wieder auf der Suche nach stiller Idylle am Meer queren wir von Ost nach West die Baja und wollen dann in Guerrero Negro die großen grauen Wale und ihre Babies beobachten.

 

Immer wieder auf dieser Tour durch Mexico kommst du an Straßensperren: Das Militär sucht nach Drogen und Waffen. Sprich, junge Burschen in Uniform leuchten hier und da den Wagen aus, schieben mal die Hand ins Gepäck, krabbeln auch mal unter das Auto. Alles freundlich distanziert, sicherlich auch wird dem Ausländer und Nicht-Amerikaner weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Trotzdem – an der dritten Sperre rollt man dann doch mal genervt die Augen …
Unser Auto kullert zwischen kahlen Bergen dahin, hoch und runter, Kilometer um Kilometer, später ewig entlang eingezäunter kahler Flächen. Unterwegs tanken wir, d.h. du erwirbst an einem Stand in einer Ansammlung einiger Hütten irgendwo da draußen den Inhalt eines Plastikbehälters – und weiter.
Ensenada erreichen wir aus nordöstlicher Richtung und tauchen unvermutet ein in ein Chaos aus Autos, Bretterverschlägen, aufgestapelten Schrottwagen… dies ist nicht die eigentliche Stadt, aber der Eindruck, da du gerade aus dem endlosen Gleicherlei der Wüste auftauchst, ist massiv…..
Schnell einen leckeren Burrito am Straßenrand – und wieder weiter.
Der Weg nach Guerrero Negro zieht sich in Gleichförmigkeit hinter Autokolonnen, oft riesigen Trucks, die Kurven hoch und runter durch austauschbare Örtlichkeiten, vorbei an aufgegebenen Häusern und Vorhaben – se vende – und wiederum Müll, Müll… Dieses traurige Bild hat absolut nichts mit den Menschen, denen man begegnet, zu tun: freundlich, interessiert..
Und schon wieder dämmert es schnell, wir erwägen fast die Umkehr aus dem jetzigen lärmenden Chaos, da kein lauschiges Schlafplätzchen in Aussicht steht, schon gar nicht eines am Wasser… Unser allerletzter Erkundungsversuch im Dunkeln führt über eine Sandhoppelpiste zu Jardin´s Beach, einer kleinen grünen Oase abseits.Hier treffen wir auf einen angegrauten Landsmann, der vor über 30 Jahren in Mexiko blieb, sein täglich Brot nun als Hausmeister/ Nachtwächter verdient. Das empfohlene Abendessen im El Faro in Pampalote ist ein wirklicher Geheimtipp; unserem Zögern – Guerrero Negro oder doch gleich zurück zum Klettern – wird die Schönheit der Südbaja entgegengesetzt: Unbedingt muß man da hin, auch die Wale seien garantiert jetzt schon da… okay, überredet.
Samstag, 24.11.

Und wieder tuckert der Motor unseres kleinen Chryslers. Noch ein seltener, weil kaum zugänglich, Abstecher an das rollende Meer: Gruppen verspielter Delphine tummeln sich, Pelikane stoßen fast senkrecht ins Naß – phantastisch schön! Die Straße biegt ab in Wüste aus Stein und Riesenkakteen, Sand und Geröll. Der ferne Horizont wird begrenzt durch Tafelberge oder spitze Kegel, die Farben variieren in Grau-Grün-Gelb-Rötlich. Seltsamerweise bleiben die Autokolonnen ab hier hinter uns zurück.

 

Auffällig in der Einsamkeit wird unsere vibrierende Motorhaube – die will doch nicht etwa…? Kontrollstop – oje: nur die Verriegelung hält sie noch in Position! Schließen, losfahren, beobachten, zunehmendes Heben und Rütteln – anhalten – wieder die Verriegelung als einziger Halt… Dieses Spiel sollte sich etliche Male wiederholen. Auch zeigt das schon bei Autoübernahme aufgefallene deutliche Lenkradspiel Folgen: Am rechten Vorderreifen arbeitet sich das Material ab, lugt das Metallgeflecht zunehmend in die eintönige Landschaft..

 

Neuer Versuch Haus mit Meeresblick: Wir biegen ab nach San Rosalilita, wollen zur dortigen Robbenkolonie. Überhaupt beschreibt der Reiseführer das Dörfchen als einen Ort der Stille und Schönheit. Ruhig ist´s wohl, fast menschenleer – die wenigen haben sich eingerichtet zwischen wiederum Zerfall und Kargheit. Heftiger kühler Wind treibt durch die Bucht, erneut Pelikane im Senkrechtsturz, von den Robben aber ist weit und breit nichts zu ahnen… also zurück zur Hauptstraße, weiter den Walen entgegen…
Kurz vor der üblich kurzen Abenddämmerung in Guerrero Negro angekommen, fahren wir etwas orientierungslos durch die Gegend auf der Suche nach der Laguna Ojo de Liebre (Auge des Hasen). Jener, in der die Wale… Unsere Lageskizze schickt uns immer wieder in die Ausläufer der wohl weltweit größten Saline, ein beeindruckendes Bild, diese schollenartigen kristallinen Gebilde beidseitig der Straße. Nur eben kein Wohlfühlort für graue Großsäuger…
Abend, Dunkelheit. Vollmond. Im „Malarimo“, dem wohl besten Restaurant im Ort, dinieren wir für 320 Pesos (32 US$) zzgl. Getränke. Nicht eben billig für hiesige Verhältnisse; die leckere Fischplatte rechtfertigt jedoch die Ausgabe.

 

Genächtigt wird in einem kleinen ebenerdigen Motelzimmerchen für preiswerte 28$.
Sonntag, 25.11.

Wir sitzen in Fleecejacken auf der Terasse des „Malarimo“ beim Frühstück und gucken Leute: festlich gekleidete Ortsansässige strömen herbei zum Event ähnlich einer Weihnachtsfeier unter strahlender Sonne. Und jeder trägt großartig Verpacktes mit sich. Alle werden wort- und gestenreich von einer jungen Strahle-Dame am Eingang begrüßt und eingewiesen. Die Gute entblößt beim freundlichen Lächeln zwei breite Zahnlücken..

Ein detaillierter Lageplan im Restaurant lässt uns neue Hoffnung schöpfen – Bucht und Wale sind ganz in der Nähe! Natürlich bestünde auch die Möglichkeit eines geführten (gut bezahlten) Ausfluges, dieser starte allerdings immer gleich nach der Morgendämmerung… Wir fahren allein los…

Erwähnenswert an dieser Stelle ist die Trennungslinie des 28. Breitengrades, die durch die kleine Stadt zieht. Die hier kontrollierende Armee – für uns nichts ungewöhnliches mehr – agiert sonderbeauftragt: Kommst du aus südlichen Gefilden, wird dein Wagen bei Übertritt in nördliche Hemisphären von unten her aus einer Düse besprüht, desinfiziert; wogegen auch immer. Kostet bittesehr 10 Peso pro Vorgang – Gerald lehnt die Zahlung konsequent ab. Immerhin haben wir nur eine kurze Runde im „anderen“ Stadtteil gedreht, waren nirgendwo im Hinterland… Nach kurzer Diskussion lässt man uns durch.

Der Weg zur Laguna Ojo de Liebre führt wiederum durch eine beeindruckende Saline. Der Torwächter weist uns freundlich auf die Unsinnigkeit unseres Vorhabens hin, weil ahora no ballenas aquí!  Nun sind wir schon hier, da wollen wir wenigstens die Bucht beäugen: Ruhiges Wasser, flache Wellen.Unmassen kleiner Fliegen, zwei Pelikane, eine tote Ente. Kleine Fischschwärme unterm Steg, an dem sonst die Touristen in die Boote geladen werden…
Natürlich hatten wir bei den widersprüchlichen Zeitspannen, von wann bis wann die Wale denn nun hier seien, den für uns passenden Raum gewählt mit viel Hoffnung, daß vielleicht…, nur die dicken Grauen wussten nichts davon. Ihre Uhren ticken eben anders..

 

Und so lenken wir gegen 14h unser Auto zurück nach Norden, back to USA, vielleicht noch ein wenig in die Felsen, mal schauen. Vor uns liegen gut 600km von Guerrero Negro nach Ensenada auf der Straße Nr.1 mit einer klappernden Motorhaube und einem fast nackten Vorderreifen.
Zwischendurch taucht im Nichts der Endlosigkeit der Wüste eine staubige Hütte auf. Zwei schmusige Hunde begrüßen uns, ein paar Track-Fahrer schnattern angeregt beim Lecker-Futtern – wir gesellen uns dazu. Ab Vicente steht die Luft zum Schneiden – ist´s ein Sandsturm oder einfach nur der Dreck der wieder endlosen Autokolonnen? Die trüben Schwaden bieten kaum Sicht, trotzdem fahren die meisten wild drauf los – erstaunlich, dass es nicht kracht!

Ensenada erreichen wir lange nach Einbruch der Dunkelheit und finden im Spa Inn eine exzellente Unterkunft, die für die 55$ ihresgleichen sucht: Service, Ambiente und Ausblick sind einfach prima! Nächtens tönen die tiefen Rufe der im angrenzenden Hafen beheimateten Robben herüber…

Montag, 26.11.

.. und früh strahlt die Sonne ins Bett; vom lärmenden Stadtleben ist wenig zu spüren. Auf der Straße gegenüber werden tatsächlich Weihnachtsbäume bei 25°C angeboten…

 

Doch weiter geht´s gen Norden an der Küste entlang, immer mit der Option des Verweilen-Wollens, sobald sich etwas böte. Doch von weitem lockende kleine Ansiedlungen werden bei Nähe zu umzäunten und bewachten Wohnanlagen….
……der Abstecher zum Meer endet im angespülten Unrat.
Neben der Düne sitzt ein grauhaariger Mexikaner auf einem Stühlchen hinter seinem Haus, den geduldigen Blick auf seine gezogene winzige Anpflanzung gerichtet…                               
 

  Zwischen Ensenada und der Grenzstadt Tijuana liegt Rosario, saisonal bestimmt von Touristen aus den USA überrannt, jetzt aber fast leergefegt. Pferde am Strand lassen die Köpfe hängen, eine einsame Kletterwand ragt in den blauen Himmel. Bars locken mit schrecklich lauter Musik, die aufdringlichen Kaufangebote allerorts nerven… nur weg hier!

 

Nach Tijuana hinein führt eine steil abfallende Straße, so dass du weit schauen kannst – auf den linksseitig still liegenden Teil San Diegos und das rechts zu findende Gewusel an Autos und dicht bebauter Siedlung Tijuanas. Mittig zieht die gleich neben der Straße führende Grenze… das Bild der Berliner Mauer drängt sich ungewollt auf.     
 Zur Grenze selbst schieben sich Meter um Meter Auto an Auto in Dreier-Reihen. Wir krauchen fast zwei Stunden für die vielleicht 2km vorwärts. Zwischen den Fahrzeugen wird gehandelt und gebettelt: Da zwängt sich der Rollstuhlfahrer neben den Gitarrenverkäufer. Mütter mit Kleinkindern auf dem Arm strecken die Hände, Obst und Kitschfiguren Seit an Seit… ein nicht endend scheinender Zug derer, die ein wenig mitverdienen an der Trennung der Welten… Staub und Abgase, mein Magen dreht und wendet sich, irgendwann endlich erreichen wir den Kontrollpunkt. “Aliens müssen ihre Papiere vorweisen“. Diese werden kurz und leidenschaftslos von einem waffenstarrenden jungen Mann in Schwarz begutachtet, man winkt uns durch, fertig.

Amerika, da sind wir wieder!

 

Unser erster Weg führt uns natürlich zu unserem Autovermieter. Welch ein Wunder, dass der Wagen so lange durchgehalten hat; eine weitere Tour bei all seinen Gebrechen wollen wir wirklich nicht riskieren.      Zunächst bietet man uns die eilige Reparatur des treuen Gefährts an oder aber den Wechsel auf einen anderen (wiederum unsauberen) Wagen gleicher Kategorie, einen Mitsubishi Lancer. Die nicht wirklich überschwängliche Begeisterung entlockt dem Vermieter ein „Or do you want an SUV?“ – Nicken, Nicken!  Und schon taucht aus der Tiefgarage ein Toyota Highlander auf – unser Tauschwagen für die verbleibenden Tage zu gleichen Konditionen…   Wollten wir ursprünglich die Zeit bis zum Rückflug in und um San Diego verbringen, juckt es jetzt Gerald mächtig im Fahrerbein: Solch ein Wagen kann nicht einfach nur durch die Stadt rollen, der MUSS raus, weit raus…

 

Zunächst finden wir uns am späten Nachmittag an der Mission Beach im nordöstlichen SD wieder: Häuschen und Promenade am Meer, Spaziergänger, Jogger, Inliner – ein grauhaariger Herr rollt gekonnt zu klassischer Musik in Zeitlupe dahin. Pelikane, Möwen, Surfer und viele Delphine …  Wir suchen mal wieder ein Nachtlager und treten ein in ein offen stehendes Haus „for rent“: Luxus auf zwei Etagen, weiter Blick auf die Wellen und ein Zettel „Please call Dave“. Nun, der Palast ist eigentlich für bis zu acht Personen gedacht und kostet 500$/ night; er könne aber eine Ausnahme machen – für 200 & tax wären wir dabei… Wir überlegen lange, wirklich lange, schlendern zurück zum Strand, holen bei einer dortigen Vermietung weitere Angebote ein, kehren zweimal in Daves Wände zurück, um die Nase über den Balkon zu schieben… und ziehen am Ende doch weiter. In ein kleines Zimmerchen im Ocean View, einem zwischen den Großen eingezwängtes Motelchen. Für 86$ inklusive ganznächtlichem Wellengebrause. 
Der Blick hinter den Kühlschrank anderntags lässt uns wieder ruhigen Gewissens weiterziehen.

 

Dienstag, 27.11.

Die zahlreichen Jogger (vielfach mit Hunden) animieren auch uns, endlich in die mitgereisten Laufschuhe zu schlüpfen. Und so traben wir die nächsten eineinhalb Stunden locker vorbei an Ferienhäusern bis gaaanz zum Ende des Boulevards, dann anstrengende Meter direkt am Meer im Sand zurück. Duschen, umziehen, Pause. 

Wir sitzen bei Kaffee, fruitsalad und riesigem dreilagigen Pancake samt Sirup, Beeren und Creme in der ersten Boulevard-Reihe. Die Eiligen und Langsamen flanieren vorbei zu Fuß, per Inliner, Fahrrad, Skateboard… der muskulöse Sportler zieht dahin, die etwas aus der Form geratenen Damen mittleren Alters hinterher.
Einer der Penner, die es sich allseitig sichtbar vor den Hotels bequem gemacht haben, schlurft auf schmutzstarrenden Füßen vorbei, die fleckige Fetzendecke übergeworfen. This is America. Oder?

In San Diego krauchen wir später gut vier Stunden auf dem stillgelegten Flugzeugträger Midway herum. Probieren Schleudersitze (natürlich ohne Schleudern), drücken wagemutig Tasten in Cockpits ausgestellter Kampfflugzeuge, wandern gruppengeführt (anders ist´s gar nicht möglich) in der Abendsonne durch riesige Unergründlichkeiten und lassen uns letztendlich, in einem dreidimensional selbst zu steuernden Flugsimulator hockend, mächtig kopfüber drehen und schütteln. Geralds Brille folgt den Gesetzten der Schwerkraft und muß mühselig wiedergefunden werden; sein Magen nimmt ihm die quirlige Aktion einige Zeit wortwörtlich übel.

 

Mittwoch, den 28.11.

Da wir schon mal hier sind und Freunde davon schwärmten, investieren wir die 57$ pro Nase zzgl. weiterer 10$ parking-fee für unser Wägelchen und sind nun voll gespannte Sea-World-Besucher!

Zwischen all den Kinderscharen, ihren Rollis und oft fülligen Mamis schieben wir uns von 11 bis 17Uhr dahin von einer Show und Attraktion zur nächsten. Wir besuchen die spielerisch wirkenden Delphine – späterhin gibt es in einem flachen Becken auch die Möglichkeit, Streichelkontakt aufzunehmen: Ihre Haut ist unerwartet weich-samtig, kühl. Einer von ihnen mag wohl nur Damenberührung – er beißt den ihn liebkosenden Gerald mal schnell in den Finger.

 

Die Dressur der mit kräftigen Flossenschlägen die unvorsichtig nah am Bassinrand platzierten Touristen flutenden Orcas ist für unser Empfinden etwas zu patriotisch gestaltet, eine Wir-retten-das-sinkende-Schiff-Vorstellung mit Pantomime, Robben und Fischottern dafür albern-witzig. In dem weitläufigen Gelände findest du viele gut gestaltete Areale mit Wasserbewohnern jeglicher Art, dafür allerdings kaum Restaurants, so dass wir den ganzen Tag fast nichts essen.  
Nach Einbruch der Dunkelheit rollen wir wieder durch L.A., dieses Mal dem Stau vorläufig davon auf der linksseitig geführten Car-Pool – Spur: Hier dürfen nur Wagen mit mindestens zwei Insassen fahren. Wir sind ziemlich allein – will heißen, die Amerikaner sitzen fast ausnahmslos solo in ihren riesigen Kisten.

Ziemlich schnell aber löst sich unser Sonderstatus in Wohlgefallen auf und wir schieben uns wieder zwischen all den anderen auf fünf bis sechs Spuren zwei Stunden lang die wenigen Kilometer durch das eigentliche L.A., wollen doch nur nordwärts – das Städtchen Bakersville ist unser Ziel.

 
 

Hier treffen wir endlich gegen 21Uhr ein – und es liegt ein unangenehmer Geruch nach faulig-irgendwie-chemisch… über dem Ort. Eine Unterkunft ist schnell gefunden, zum Abendessen geht´s dann mangels Alternative zu Denny´s. Nichts, was man wirklich haben muß (no alcoholic drinks). Zumal die nette Kellnerin ganz selbstverständlich das Wechselgeld ungefragt einbehält, sich zumindest aber nach Geralds freundlich-lächelnder Nachfrage tiefrot von Stirnansatz bis Ausschnitt verfärbt und die Beute mit tausend Entschuldigungen über den Tisch schiebt. Und auch sie bekommt ihr landesübliches Trinkgeld, immerhin …

 

Donnerstag, 29.11.

Die ausgeruhte Nase erschnüffelt klare ungetrübte Luft – was immer da gestern abend so scheußlich gestunken hat – es ist verschwunden. Zum Frühstück gibt´s im Hotel wunderbare selbst zu backene Waffeln. Und weiter geht es zum Sequoia Nationalpark nördlich von Bakersfield, nahe Visalia, in fast einsame Wildnis. Kaum ein Fahrzeug außer dem unsrigen. Wir krauchen in endlosen engen Serpentinen dem Waldgebiet der gleichnamigen Baumriesen entgegen (und schon jetzt wird mir schlecht vom ewigen Kurve um Kurve – was bitte soll das erst bergab werden?) – und plötzlich tauchen sie einfach so mitten zwischen den übrigen Bäumen auf: Rötlich gefärbte Stämme, stark, dick, gewaltig. Erinnert ein wenig an Jurassic Park, Gebilde aus anderen Zeiten. Die Rinde der Giganten ist samtig weich, zum Teil leicht lösbar und unerwartet leicht,wie Balsa. 

Vom Parkplatz aus geht es leicht absteigend 600m hinein ins Grüne. Alle Parkbesucher stapfen wohl diesen Weg zum General Sherman, dem nachweislich vom Rauminhalt nach größten Baum weltweit: … na, fast alle. Denn als wir beschwingten Fußes wieder zum Auto aufsteigen, steht da eine Gruppe Herren, einer davon mächtig beleibt: Ist es sehr anstrengend? Weit? Machbar? Wir sind wohl nicht überzeugend genug oder atmen etwas zu schnell(?) – sie jedenfalls krabbeln schnell wieder in ihr Wägelchen und weiter geht die Fahrt…
Kurzer Stop auf der Rücktour gen San Diego – und wir kommen in den hier seltenen Genuß eines gigantisch schönen Blickes auf in zarte Dunstschleier gehüllte Bergketten. Denn üblicherweise ist die Ferne eingetrübt durch die aufsteigenden Smogschwaden der umliegenden Örtlichkeiten.
Die Dunkelheit holt uns ein im kleinen Tehachapi (Tai-hett-scheppi). Wir suchen lange vergeblich nach einem unserem angedachten Preis-Leistungsverhältnis entsprechenden Bettchen für die Nacht. Schon fast auf der Weiterfahrt gen Süden findet sich ein bereits außerorts am Highway liegendes Hotel – im Empfangsbereich sind die Maler noch schwer am Schaffen; und außer uns sind wohl die Handwerker die einzigen Gäste – doch was soll´s: ruhig, sauber, preisrelevant. Zum Abendessen fahren wir zurück nach Tehachapi zum „family grill“, hier trifft sich der Einheimische.  
Am Nachbartisch schieben sich Oma, Mutti und zwei Jungs in die Sitzmöbel und lassen auftischen: Pommes und Pommes mit Irgendwas, Unmengen Coke und hinterher natürlich Eis… Sicher ist der Anblick von Körpermasse inzwischen fast Gewohnheit, doch die herrische Endzwanziger-Mama sprengt alle Vorstellungen: An sich schon eine stattlich-große Person, sitzt da ein zartbehaartes Köpfchen auf mächtigen Schultern. Das rosafarbene Topp zeichnet detailliert körperliche Wölbungen, die cremefarbenen Träger ihres BH rutschen ständig die nackten Schultern herunter. Mami schiebt sie hoch, greift zur Gabel – uuund flutsch, weg ist der Träger…Die prallen Schenkel breiten sich über die Sitzfläche des Stuhles hinaus aus, so sitzt sie mit gespreizten Beinen und konsumiert Kalorienberge. Einfach gigantisch!  
Freitag, 30.11.

Es nieselt und regnet! An unserem letzten Tag USA versteckt sich die Sonne, bricht der Himmel auf.

 
So starten wir gegen Mittag zu einer Erkundungstour gen Nordosten zum Red Rock Canyon und drehen eine Runde auf dem Camp-Gelände. Es liegt ein schwefliger Geruch über dem Terrain, der einen längeren Aufenthalt unmöglich macht. Gegen 16h schieben wir uns auf der Rückreise nach San Diego auf einer sieben(!)spurigen Autobahn im stop and go an (mal wieder) einem heftigen Unfall vorbei: Brandgeruch liegt schwer in der Luft, vier PKW sind ineinander verkeilt. Aus dem letzten wird gerade eine Frau geborgen: Blondes langes Haar umrahmt ein junges regloses Gesicht – ein Bild, das sich einprägt im Vorbeigleiten. In der Dämmerung schieben sich verkohlte Hügelketten an uns vorbei – hier fraß sich vor wenigen Wochen ein Großfeuer durch die Landen. Der Regen wird in den nächsten Tagen Grün sprießen lassen, die Erinnerung verwischen.

Wir quartieren uns im Hotel ein, in dem auch unser Autovermieter sitzt und verabreden mit ihm, daß wir morgen früh gegen 8h das Auto übergeben und dann von ihm zum Airport kutschiert werden. Abendessen, Handy und sicherheitshalber noch den hoteleigenen Wecker gestellt – und zu die Äuglein. Draußen peitschen Sturmböen an die Scheiben…

 

Samstag, 1.12.

Prüfendes Blinzeln ins Grau des Morgens – der Regen scheint verschwunden. Die Sonne auch, aber egal… Halt, was ist mit unseren Weckern los? Wie spät..? Die Uhr zeigt kurz vor 8, keines der gestellten Geräte hat uns wachgepiept! Nun aber flinke Füße, Autoübergabe steht an. Wenn denn der Autovermieter mal da oder zumindest telefonisch erreichbar wäre! 45 Minuten umsonstiger Versuche später legen wir mit einem netten Abschiedsschreiben die Schlüssel auf den Tresen und lassen uns für 10$ von einem Taxi zum Flieger kutschieren. Daß nun auch noch meine Sonnenbrille im Wagen liegenbleibt (vom vergesseneen Kalender für Inga im Erstwagen schrieb ich bereits), bemerken wir erst später. Was soll´s, der Finder freut sich.

 
Am Check In im Airport sorgt technischer Fortschritt für Riesenstau und Aufregung: Für mehrere Schalter ist nur noch ein Angestellter zuständig. Jedoch nicht, um wie üblich das Gepäck entgegenzunehmen. Dies obliegt selfmake-Automaten, in die du deine Flugnummer eintippst und was der Gute sonst noch so wissen will. Wenn du Glück hast, spuckt er dann irgendwann ein Scheinchen aus, das dich zur Weitergabe deines Gepäcks an den einsamen Angestellten berechtigt. Wenn nicht – die Konstrukteure der Technik haben auch daran gedacht: Ein Telefonhörer ist mit eingebaut – eine hotline geschaltet. Und so steht an fast jeder Säule ein Ratloser, während sich hinter ihm die anderen Flugwilligen drängeln
. Ist diese Hürde endlich genommen, übergibst du also deinen Krempel dem einsamen Bodenpersonal. Der schiebt es jetzt auf die Waage – und stellt Übergewichtigkeit eines einzelnen Gepäcks fest. Egal, daß in Summe alles wieder ausgeglichen ist – runter mit dem Teil und umgepackt. Also wühlt Oma jetzt in ihren dicken Koffern. Da sie allein und schmächtig und somit nicht in der Lage ist, sie beiseite zu schleifen, geschieht dies vor einem der begehrten Schalter. Außerdem müßte sie sich sonst ja wieder am Ende der hinter ihrem Rücken murrenden Masse anstellen. Wer will das schon. Doch am Ende sitzen wir alle in unserem Riesenflieger und gleiten geruhsam der Heimat entgegen. Oder auch nicht:  
Irgendwo über Kanada findet ein anfangs noch zartes Geräusch den Weg zum Ohr: Piep piep piep, hoch und leise, irgendwo aus dem Deckenbereich. Es wird lauter. Hört wieder auf. Kommt erneut, heftiger, mahnender. Bekommt Gesellschaft: tief, dunkel: Mäp mäp mäp. Beide wechseln sich ab, vereinen sich. Die Gespräche um uns herum sind verstummt, alles lauscht ratlos. Keine Stewardess weit und breit zu sehen. Ein Fluggast wandert zum Cockpit und kehrt mit der späterhin auch per Durchsage bekanntgegebenen Beruhigung zurück, man arbeite an der Behebung. Irgendein Fehler im System. Nichts von Bedeutung. Irgendwann ist tatsächlich Ruhe. Alles entspannt sich, greift zu Kopfhörer, Buch und Getränk. Bis das Zeichen „Anschnallen“ aufleuchtet und zeitgleich das Flugzeug von heftigsten Rüttlern geschüttelt wird. Lesen wird unmöglich, weil das dem Auge vorgehaltene Buch heftigst bis zu 50cm hoch und abwärts schwankt. Trinken sowieso. Es ist nicht das bekannte Absacken. Es ist, als hielte jemand die Fliegerflügel und bewegte sie ruckartig in gegensätzliche Richtungen. Wieder und wieder. Die Stille der Menschen wirkt fast unheimlich, keiner spricht, kaum einer noch hat seine Leselampe an. Keines der anwesenden Kinder gibt auch nur einen Mucks von sich. Laufen in allen Köpfen die gleichen Bilder ab? Da ist nur das Dröhnen der Triebwerke und dieses unheimliche Knacken… Nach etwa 40 Minuten kurzzeitig Stille, dann für wiederum eine halbe Stunde alles erneut. Doch irgendwann haben wir dieses für seine wohl nicht vorhersehbaren Luftströmungen berüchtigte Gebiet über dem Nordatlantik überflogen und werden weiterhin von der Crew fürsorglich umsorgt. Dem Zeitplan entsprechend landen wir letztlich sicher in Frankfurt, von wo aus uns ein kleines Fliegerchen nach Berlin bringt.
Somit sind auch diese Tage aufregendes Abenteuer schon wieder Legende. Auf ein neues also!!!  
  So, jetzt hast du es bis hierher geschafft und nun muß Gerald auch noch was loswerden: nämlich mal mit einigen Gerüchten aufräumen.

1. Amerikaner fahren aufmerksam und rücksichtsvoll. Jeder gleitet nur dahin und Spurwechsel sind easy. Stimmt nicht! In Südkalifornien fahren sie aggressiv und rücksichtslos.

2. Der Kaffee ist dünne Plürre und schmeckt nicht. Stimmt nicht! In Südkalifornien war der Kaffee immer einwandfrei. Vielleicht liegts am Gouverneur.

3. McDonald in Amerika ist fast wie bei uns ein Restaurant. Stimmt nicht! Der von uns besucht war unter aller Kanone.

4. Budweiser ist dünnes Massenbier und schmeckt überhaupt nicht. Stimmt nicht… obwohl, über Geschmack lässt sich streiten. Mir haben jedenfalls alle Biere sehr gut geschmeckt 🙂