Andreas A. : zwischen Deutschland und Israel
20.04.2024
Nach einer Woche Tel Aviv :
Tamis Sehnsucht war nach 10 Monaten in Deutschland zu stark. Kurz vor der Abreise kam nur kurz ein Zweifel auf – jetzt auch noch der Iran… Aber wir fliegen!
Auf dem Flughafen Ben Gurion wurde an der sonst eher überfüllten Passkontrolle ein einziger Ausländer kontrolliert: Das war ich! Es ähnelte dem Reisen in Zeiten von Corona.
Tami ist auf dem Flughafen froh, dass sie es hierher geschafft hat. Ihr fällt eine Last von den Schultern. Die Familie ist glücklich Tami hier zu haben.
Auf dem ersten Blick erscheint mir alles ruhiger, zurückhaltender als sonst, weniger Leben auf der Straße, weniger Lachen. Die Geräusche auf dem Hof – eher Stille. Es gibt jetzt eine Reihe scheinbar unbewohnter Wohnungen.
Schön, wenn einen Leute auf der Straße erkennen und sich freuen. Ich weiß, dass es Menschen gut tut, dass ich hier bin.
Mein Empfinden : Die Cafes in der Nachbarschaft, sonst mit Gästen gefüllt wie ein Bienenschwarm, haben jetzt gemäßigt Kundschaft. Hier und da sind Geschäfte geschlossen. Entweder, weil Leute bei der Armee sind oder das Land verlassen haben oder weil das Geld knapp ist!? Die Ökonomie steckt in der Krise. Handelswege sind unterbrochen – kein Schiffsverkehr mehr durch das Rote Meer, Leute haben auch dadurch weniger Arbeit. Der Bäcker Benni hat sein Angebot reduziert – es fehlt Kundschaft. Umgekehrt kaufen die, die keine Zuversicht hier mehr haben, Wohnungen im Ausland. Das ging aber schon lange vor dem 7. Oktober los und hatte damals nichts mit fehlender Zuversicht zu tun.
Der Strand am Shabat erscheint demgegenüber aber fast überfüllt. Auf der abendlichen Rückfahrt mit dem Fahrrad vom Sport komme ich an voll besetzten Restaurants vorbei. Ein lautes Stimmengewirr begleitet mich. Davon berichtete schon eine Freundin, die das irritiert. Junge Leute wollen nicht an Krieg denken. Das scheint in Tel Aviv wie in Kiew so zu sein und wäre wohl bei uns nicht anders.
Von Tel Aviv ist man mit dem Auto in 50 Minuten in Gaza. In Berlin hatte ich mich selbst gefragt, wie mir hier der Kaffee schmecken kann!? Ich genieße ihn nicht – er schmeckt sehr gut, aber die ganze Situation – Geiseln, Zivilisten in Gaza und die Bedrohung des Landes bleiben immer ein Stück dabei…
Wir treffen am Shabat schöne Leute.
Ich selbst höre hier keine Nachrichten. Es macht so den Kopf frei… !?
Nach Warnungen im Fernsehen hatten wir uns für die Nacht vorbereitet. Dass es tatsächlich einen Angriff aus dem Iran gab, hörte ich erst am nächsten Morgen im Radio. In Tel Aviv hat man nichts gemerkt, Tami und ich hatten geschlafen. Nur eine ungewohnte Unruhe in der Nachbarschaft war nachts zu spüren. Später erfahre ich, dass viele bis zum Morgen vor den Fernsehern saßen, mit Verwandten telefonierten und sehr besorgt sind…
Gerade wurde mir der Luftschutzraum gezeigt. Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas in meinem Leben mal eine Rolle spielt und wünsche es uns auch nicht in Deutschland und niemanden… Übrigens hätten in dem Raum jüdische und arabische Nachbarn gemeinsam gesessen.
Tami hatte es am 7. Oktober in Berlin geahnt: Irit, ihre Friseurin, war am 7. Oktober auf dem von der Hamas überfallenen Festival. Tami hatte ihr noch am 7. Oktober geschrieben und keine Antwort bekommen. Irit zeigt uns auf ihrem Handy die Videos und berichtet von der Flucht, der Ratlosigkeit, den Schüssen, der Desorientierung, der Angst…
Wir alle beklagen in letzter Zeit immer mehr den Zustand der Welt! Leider tickt die Welt anders als wir es möchten. Wir konnten die Welt zum Glück friedlich, aber oft bequem vom Sofa aus in der Tagesschau betrachten. Andere haben diese Klage über die Welt schon viel länger.
Ein Araber fragt emotional, was haben Kinder in Gaza mit der Hamas zu tun und was können sie für die Geiseln!? Warum müssen die Kinder leiden? Und zu mir: Die westliche Welt macht aus Arabern Terroristen! Aber was haben die USA, was hat die westliche Welt in Afghanistan, im Irak gemacht? Wieviel Menschen wurden getötet? Wer gab dem Westen das Recht dazu? Das ist seine Sicht. Er meint mich, Dich, Euch, uns… , egal wo wir uns befinden.
Ich treffe in Israel sehr schöne Menschen – Juden! Hier haben sich Menschen über Monate für den Bestand der Demokratie unter einer nationalistischen Regierung eingesetzt. Es ist ein Land unter permanenter Bedrohung. Wie würde unter diesen Erfahrungen die Gesellschaft bei uns ticken?
In Europa wankt der Boden nach 75 Jahren wieder (leider). Hier ist es der Normalfall (leider).
01.08.2025
Wenn B. bei uns zu Hause sauber macht, suche ich das Weite. Heute hatte ich zunächst in Tamis Auftrag Nüsse gekauft, dann im Café etwas gelesen und dann mich in den Park vor Tamis Haus gesetzt, der die Bezeichnung „Park“ nicht verdient. Das kurze Stück Einbahnstraße zwischen Park und Tamis Haus ist ruhig – kaum dass mal ein Auto langkommt, vereinzelt Passanten. Den Park benutzt auch Betu’el für ihre Zigarettenpause und setzt sich nach freundlicher Minikonversation von mir abseits. Wir sehen uns dann nicht.
Plötzlich stürmt B. aufgeregt zur Straße und redet auf einen durch schwarzen Anzug, schwarzen Hut mit Krempe als religiös erkennbaren Mann ein. Der hält nicht freiwillig an, will seinen Weg eigentlich fortsetzen und folgt ihr dann unter ihrem nicht endendem Redeschwall. Das hatte ich alles aus dem Abseits mir angeschaut, kann mir keinen Reim draus machen und folge ihnen mit Abstand ins Haus.
Als ich die Wohnung erreiche, bringt der religiöse Mann gerade eine Mesusa an Tamis Wohnungstür an, die Tami beschützen soll.
Dann segnen B. und der heilige Mann die Mesusa mit Segenssprüchen. Tami sieht sich das alles heiter von der Couch aus liegend an. Der Mann ist eigentlich Beschneider und suchte den Weg zu einer Brit Milah Zeremonie – (Beschneidungsfeier für einen 8 Tage alten Jungen).
B. ist zufrieden und sagt zu Tami:
„Jetzt wirst Du noch lange leben!“
P. S.. Eigentlich ist B. nicht nicht religious, aber…
Große Umarmung! Shabat Shalom Euch!



